Findlinge und die Eiszeit: Wie Erratiker die Wissenschaft auf die Spur der Gletscher brachten

Grosse Felsblöcke in einer Graslandschaft unter Abendhimmel

Mitten auf einer Wiese im Mittelland liegt ein Felsblock, so gross wie ein Gartenhaus. Das Gestein passt nicht zur Umgebung, und weit und breit gibt es keinen Berg, von dem er heruntergefallen sein könnte. Solche Findlinge haben die Menschen über Jahrhunderte beschäftigt. Sagen erzählten von Riesen oder vom Teufel, der die Steine geworfen haben soll. Die wissenschaftliche Erklärung war lange umstritten, und gerade in der Schweiz wurden die Erratiker zu einem Schlüssel, um die Eiszeiten zu verstehen.

Ein Rätsel aus Stein

Wer im Jura oder im Mittelland einen Block aus Granit oder Gneis findet, steht vor einem Widerspruch. Der Untergrund besteht dort meist aus Kalk, Sandstein oder Molasse. Granit und Gneis dagegen kommen aus den Alpen. Der Stein muss also über viele Kilometer transportiert worden sein, oft über Täler und Seen hinweg. Genau das macht einen Erratiker aus: Er liegt fern von seinem Ursprungsgestein.

Lange Zeit galt die biblische Sintflut als naheliegende Erklärung. Gewaltige Wassermassen hätten die Blöcke mitgerissen und abgelagert. Doch diese Idee hatte Schwächen. Wasser verteilt Geröll nach Grösse und rundet es ab, viele Findlinge sind aber kantig und liegen scheinbar planlos verstreut.

Die Gletscher als Transportmittel

Im frühen 19. Jahrhundert beobachteten Naturforscher, Bergbauern und Gämsjäger in den Alpen etwas Entscheidendes: Gletscher tragen Gesteinsschutt auf und in ihrem Eis mit sich und lassen ihn beim Abschmelzen liegen. Moränen und polierte, geschrammte Felsen weit unterhalb der heutigen Gletscherzungen zeigten, dass das Eis früher viel weiter gereicht haben musste.

Forscher wie Ignaz Venetz und Jean de Charpentier vertraten die Ansicht, dass die Alpengletscher einst bis ins Mittelland und an den Jura vorgestossen waren. Louis Agassiz, der damals in Neuchâtel lehrte, griff diese Gedanken auf und machte die Idee einer grossen Eiszeit international bekannt. Die Findlinge waren dabei eines der stärksten Argumente: Sie liessen sich mit Gletschern viel besser erklären als mit einer Flut.

Was Findlinge über die Vergangenheit verraten

Für die Geologie sind Erratiker wie Wegweiser. Weil sich das Gestein oft einem bestimmten Herkunftsgebiet zuordnen lässt, kann man nachvollziehen, welchen Weg das Eis genommen hat. Ein Block aus dem Wallis am Jurasüdfuss zeigt zum Beispiel, wie weit sich der Rhonegletscher einst ausgedehnt hat. Aus der Verteilung vieler solcher Blöcke lassen sich die Ausdehnung und die Fliessrichtung der eiszeitlichen Gletscher rekonstruieren.

Heute stehen zudem Labormethoden zur Verfügung. Mit der Analyse bestimmter Isotope, die sich an der Gesteinsoberfläche bilden, solange diese der kosmischen Strahlung ausgesetzt ist, lässt sich abschätzen, seit wann ein Block frei liegt. So helfen Findlinge, den Rückzug der Gletscher zeitlich einzuordnen.

Findlinge als Kulturgut

Viele Erratiker sind nicht nur geologisch, sondern auch kulturell bedeutsam. Manche dienten als Grenzsteine oder Treffpunkte, um andere ranken sich Sagen. In der Urgeschichte wurden Findlinge teilweise bearbeitet oder in Bauwerke einbezogen, etwa als Schalensteine oder als Teil von Megalithanlagen. Wie solche Steine bewegt wurden, beschreiben wir im Beitrag über die Ingenieurskunst der Megalith-Kultur.

Gleichzeitig sind zahlreiche Findlinge im Lauf der Zeit verschwunden. Sie wurden gesprengt und als Baumaterial verwendet, weil Granit im Mittelland selten und begehrt war. Schon im 19. Jahrhundert setzten sich deshalb Naturforschende Gesellschaften dafür ein, besonders eindrückliche Blöcke zu erhalten. Viele davon sind heute geschützt.

Erratiker selbst entdecken

Wer mit offenen Augen durch das Mittelland oder entlang des Jurasüdfusses wandert, stösst erstaunlich oft auf Findlinge. Achten Sie auf Blöcke, deren Farbe und Struktur nicht zum umliegenden Gestein passen, und auf Informationstafeln, die bekannte Erratiker oft begleiten. Bitte respektieren Sie dabei Schutzbestimmungen und privaten Grund.

Findlinge sind stille Zeugen einer Zeit, in der grosse Teile der Schweiz unter Eis lagen. Sie verbinden Geologie, Geschichte und Volkskultur und zeigen, wie viel ein einzelner Stein erzählen kann, wenn man ihn genau betrachtet.