An den Ufern vieler Schweizer Seen lagen vor Tausenden von Jahren ganze Dörfer. Die Häuser standen auf Holzpfählen, die Menschen fischten, bauten Getreide an und hielten Vieh. Von diesen Siedlungen ist an der Oberfläche heute kaum etwas zu sehen. Unter Wasser und im feuchten Boden der Uferzonen haben sich jedoch Überreste erhalten, die der Archäologie einen aussergewöhnlich genauen Blick in den Alltag der Jungsteinzeit und der Bronzezeit ermöglichen.
Was sind Pfahlbauten?
Als Pfahlbauten bezeichnet man Siedlungen, deren Häuser auf Pfählen errichtet wurden, meist an See- und Moorufern. Ob die Häuser direkt über dem Wasser oder auf zeitweise überschwemmtem Uferland standen, wird in der Forschung seit Langem diskutiert, und die Antwort fällt je nach Fundstelle unterschiedlich aus. Seit 2011 gehören ausgewählte Fundstellen rund um die Alpen als „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ zum UNESCO-Welterbe, darunter viele in der Schweiz.
Bekannt wurden die Pfahlbauten in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als bei tiefem Wasserstand am Zürichsee Pfähle und Funde zum Vorschein kamen. Danach setzte eine regelrechte Begeisterung ein, die das Bild der Schweizer Urgeschichte lange geprägt hat.
Warum sich unter Wasser so viel erhält
Der Schlüssel liegt im Sauerstoffmangel. In wassergesättigten Seeablagerungen können Bakterien und Pilze organisches Material kaum zersetzen. Deshalb bleiben Dinge erhalten, die an trockenen Fundstellen längst verschwunden wären: Holz, Textilien, Schnüre, Körbe, Samen, Nahrungsreste und sogar Werkzeuge mit hölzernen Griffen. Für die Archäologie ist das ein seltener Glücksfall, denn so lässt sich nicht nur rekonstruieren, wie die Menschen gebaut haben, sondern auch, was sie gegessen und wie sie gearbeitet haben.
Wie Archäologen unter Wasser arbeiten
Die Untersuchung von Pfahlbauten verlangt besondere Methoden. Taucharchäologinnen und Taucharchäologen dokumentieren Fundstellen direkt am Seegrund. Sie arbeiten mit Vermessungsrastern, fotografieren und zeichnen die Lage der Pfähle und Funde und bergen Proben. Die Sicht ist oft schlecht, und jede Bewegung kann feine Sedimente aufwirbeln, deshalb ist ruhiges und genaues Arbeiten entscheidend.
Eine zentrale Rolle spielt die Dendrochronologie, die Datierung anhand von Jahrringen. Da Bäume je nach Klima unterschiedlich breite Ringe bilden, entsteht ein Muster, das sich mit Referenzkurven vergleichen lässt. Ist die äusserste Jahrring-Schicht erhalten, kann man oft bestimmen, in welchem Jahr ein Baum gefällt wurde. So lässt sich nachvollziehen, wann ein Dorf gegründet, erweitert oder aufgegeben wurde. Wer sich für solche Arbeitsweisen interessiert, findet mehr zum Beruf auf unserer Seite über den Archäologen.
Bedrohtes Erbe am Seegrund
Die Fundstellen sind empfindlich. Erosion durch Wellen und Strömungen, Schiffsverkehr, Ankern und Bauarbeiten am Ufer können die schützenden Sedimentschichten abtragen. Liegen Holz und andere organische Reste einmal frei, zerfallen sie rasch. Deshalb steht heute der Schutz im Vordergrund. Statt alles auszugraben, versucht man, die Fundstellen im Boden zu erhalten, etwa durch Abdeckungen mit Kies und Geotextilien, und sie regelmässig zu überwachen.
Auch Besucherinnen und Besucher können zum Schutz beitragen: Funde am Ufer sollten nicht mitgenommen, sondern der zuständigen kantonalen Archäologie gemeldet werden. Wer die Funde aus der Nähe sehen möchte, wird in Museen fündig, die Objekte aus Pfahlbausiedlungen ausstellen und zeigen, wie diese Dörfer ausgesehen haben könnten.
Die Pfahlbauten zeigen, wie viel Wissen in unscheinbaren Uferzonen verborgen liegt. Wer das nächste Mal an einem Schweizer See spaziert, geht vielleicht über die Reste eines Dorfes, das vor Jahrtausenden am selben Ufer stand.


